Josefine Beck

Mein Blog rund um das Reisen und den eigenen Weg.
Kenia | Reisen

Im Schatten des Mangobaumes – Mein Schulalltag im Barnabas Children Center in Kenia

April 14, 2019

Meine Zeit in Kenia war vor allem von meiner Arbeit in der Schule geprägt. Hier habe ich den ganzen März über gearbeitet. Deswegen möchte ich – auch um die Wartezeit auf alle anderen Artikel über die Menschen, die unglaubliche Natur und weitere Abenteuer zu verkürzen – direkt über meinen Schulalltag schreiben. Ich werde auch in weiteren Beiträgen die Schule und das dazugehörige Waisenhaus näher beschreiben, auf die anderen Lehrer und die Kinder eingehen. Das ist alles hier irgendwie doch erst einmal nur angerissen. Jetzt also erst einmal herzlich willkommen in meinem „Alltag“.

Der erste Tag

Gemeinsam mit meinen 2 Mitbewohnern aus Brasilien und meinem Koordinator Edu fahren wir zur Schule. Diese ist 7 km von unserer Unterkunft entfernt, irgendwo zwischen zwei Orten abseits der Straße, die nur aus Schlaglöchern besteht. Wir gehen also durch Bamburi, den Ort, in dem wir wohnen, bis zu einer Tankstelle an einer Kreuzung, überqueren todesmutig die enge, vielbefahrene Straße und nehmen entweder einen Matatu (öffentlicher Bus) oder ein Tuk-Tuk. Je nach dem was unter dem großen Mangobaum bereit steht. Den Fahrern sagen wir, dass wir zu „Mwembeni“ wollen, denn den Namen der Schule kennt niemand. Am „Mwembeni“ (bis zuletzt wusste ich nicht, was das sein soll. Aber sie hielten da, wo ich hin wollte.) steigen wir aus und gehen einen Sandweg, vorbei an großen Häusern und kleinen Lehmhütten zur Schule. So werde ich in den nächsten Wochen den Weg allein bewältigen. Ich bin davon noch nicht so überzeugt.

Wir werden vom Gründer und Direktor Harrison Gonah begrüßt, der sich immer freut, Freiwillige und spendenwillige Menschen zu treffen. Er erzählt uns, dass dir Schule mehr als 300 Schüler aus der Umgebung unterrichtet. Die kleinsten sind mit 3 Jahren in der Vorschule, die ältesten mit 16-18 in der 8. Klasse und kurz vor ihrem Abschluss. In jeder Stufe gibt es quasi eine Klasse. Das „Schulgelände“, wenn man es so nennen kann, besteht sowohl aus festen Häusern als auch Wellblechhütten. Ein Waisenhaus mit knapp 50 Kindern ist auch an der Schule angeschlossen. Darüber werde ich noch mal gesondert schreiben. Seit 2012 kommen Freiwillige aus der ganzen Welt in die Schule und helfen wo sie können. So haben erst Ende letzten Jahres zwei langjährige Freunde geholfen, die sanitären Anlagen zu finanzieren und aufzubauen, die wirklich gut sind. Andere haben den Wassertank aufgebaut, damit die Kinder auch frisches Trinkwasser haben. Andere unterrichten oder helfen in der Küche. Jeder tut so seinen Teil.

Am ersten Tag werden wir direkt hinein geworfen. Gehen in jede der 10 Klassen. Stellen uns vor. Werden besungen, beklatscht, mit neugierigen Augen angeschaut. Scheu sind hier die wenigstens, es scheint als wären Besuche wie dieser irgendwie Routine.

Der Barnabas Welcome Song

Dann klingelt einer der älteren Schüler mit einer Glocke zur Pause. Wir werden einfach auf den Schulhof geschickt. Viele kleine Hände umfassen meine hellen Arme. Meine kleinen Leberflecken werden gezählt. One, two, three… wir kommen weit über 20, beide Arme zusammengenommen. Die Kinder schauen genau auf meine Hände, zeigen auf die Adern auf dem Handrücken und sagen erstaunt: “You are green!” Ich versuche irgendwie zu erklären, dass die Adern durch die weiße Haut grün erscheinen, aber genauso rotes Blut durch meinen Körper fließt wie durch ihre. Sie hören mir gespannt zu.

Nach der Pause verschwinden meine beiden Brasilianer ins Büro des Gründers und Direktors, Harrison. Sie sind nur eine Woche in Kenia und wollen so viele Projekte wie möglich sehen. Die, die sie schon seit Jahren unterstützen und neue Projekte, bei denen sie helfen können – wie diese Schule. Ich bin momentan die einzige Freiwillige hier an der Schule. Das wird sich auch in den nächsten 4 Wochen nicht ändern.

Ich werde einfach in die 3. Klasse geschoben. 76 Kinderaugen schauen mich an. Die kleinen sitzen dicht gedrängt an ihren Tischen – bis zu 4 Kinder nehmen an einer kleinen Bank Platz. Sowieso stehen die Bänke irgendwie so, wie es ihnen gefällt. “Weil die Sonne durch das Gitter herein scheint und wir keine Vorhänge haben”, wird mir später erklärt. So werden eben die Gänge zugestellt, damit niemand in der prallen Mittagssonne sitzen muss.

Die Klasse ist laut, es ist viel los. Vorne sitzt eine Lehrerin in einem weißen Gartenstuhl aus Plastik. In einer Hand hat sie ein kleines Stück Kreide, in der anderen einen Zeigestock. Auf ihrem Schoß liegt ein aufgeschlagenes Buch. “Go get a chair.” raunt die Lehrerin einem Kind zu. Die Kleine springt fröhlich auf und ist nach 2 Minuten mit einem grünlichen Plastikstuhl zurück, den sie neben ihre Lehrerin stellt. Das Kind setzt sich wieder. Die Lehrerin sagt zu mir nur: “Sit.” Ich gehorche dem Befehlston. “Do you know how to teach?” (“Weißt du, wie man unterrichtet?”) fragt sie, und schiebt das Buch in meine Hände. Ich hab darauf keine passende Antwort. Kann ich den Kindern was beibringen? Sicher. Hab ich nur den Hauch einer Ahnung, wie das hier in Kenia abläuft und was diese Drittklässler hier vor mir schon können? Absolut überhaupt nicht. Würde ich mir das Ganze lieber mal 20 Minuten anschauen, um wenigstens einen ersten kleinen Überblick zu haben? Auf jeden Fall. Bekomme ich diese Zeit der Eingewöhnung? Nicht in Kenia. Also los. Ich bekomme ein paar Instruktionen zur Englischstunde – was als letztes dran war, dass es nur ein Buch gibt und welche Aufgabe ich an die Tafel schreiben soll, und los geht’s.

Ich schreibe etwas an die Tafel, lese es vor und stelle die dazugehörige Frage. Die Hälfte der Klasse brüllt einfach so die Antwort. Leider nicht unisono. Ich bin zu perplex, um gleich mal Ruhe einzufordern. Das hebe ich mir dann wohl für morgen auf und ziehe das jetzt hier einfach tapfer durch. Nach 15 Minuten sind wir fertig – die Kinder mit der Aufgabe und ich als sehr geräusch-sensible Person mit dem Tag. Das ist natürlich etwas übertrieben, aber die ganzen neuen Eindrücke und vielen neuen Aufgaben und vor allem die konstante Aufmerksamkeit machen das Ankommen nicht gerade zum Kinderspiel.

Es ist 11:20 Uhr, nächste Stunde. Zeit für das Fach “Hygiene”. Wir lernen, wie man Toiletten, Latrinen und Pissoirs reinigt und desinfiziert. Der Stoff wirkt für mich irgendwie abwegig für eine 3. Klasse. Aber ich bin hier ja auch in einer ganz anderen Welt. Ich helfe beim Korrigieren der Aufgaben, was nicht so einfach ist wie es klingt. “Welche zwei Dinge brauche ich zum Reinigen der Latrine?” Tja… da die meisten mit “heiße Asche” und “Desinfektionsmittel” geantwortet haben, wird das wohl stimmen. Da kommt ein Häkchen dran.

Mittagspause

Mittagspause. Einige der Kinder gehen zu ihren Eltern um zu essen. Die Waisen und ganz kleinen Kinder bekommen in der Küche des Waisenhauses eine warme Mahlzeit. Das Mittagessen für uns Lehrer wird auch hier zubereitet, nachdem alle Kinder ihr Essen bekommen haben. In der Zwischenzeit setzen wir uns in den Schatten des großen Mangobaumes. Uns werden wieder die Plastikstühle hinterher getragen. Besuchern wird in Kenia immer eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuteil. Ich sitze also als erstes, während alle um mich herum stehen. Dabei wollte ich gar nicht sitzen, sondern lieber mit den Kindern spielen. Aber gut, wenn man mir im Befehlston nahelegt, sich doch jetzt zu setzen, sträube ich mich mal noch nicht. Mach ich dann ab nächster Woche.

Pause unter dem Mangobaum.

Das Mittagessen für die Lehrer findet meistens in einem der leeren Klassenräume statt. Heute bekomme ich noch den einzigen Löffel, um den Reis mit den Bohnen essen zu können. Alle anderen essen mit ihren Händen, die sie gerade kurz unter kaltem Wasser aus einem Becher abgespült haben. Wie man so etwas kleinteiliges wie Bohnen und Reis mit einer Hand essen kann, werde ich in den nächsten Wochen noch lernen. Und dass es mir absolut nichts ausmacht, mit notdürftig gewaschenen Händen in meinem Essen zu matschen. Etwas, das ich mir zu diesem Zeitpunkt absolut nicht vorstellen kann.

Bohnenmatsch und Selfies – das beschreibt die Mittagspausen ziemlich gut. Hier mit der Lehrerin Getrude.

Nach der Mittagspause ist Sportunterricht. Die Kinder sind also auf dem Schulhof, brüllen “ONE, TWO, MAKE A CIRCLE” um einen Kreis zu bilden (mehr oder weniger) und starten mit einem Tanzspiel. Irgendwie gerate ich mit da rein, während sich die andere Lehrerin außerhalb des Kreises schmunzelnd zuschaut. Ich hab keine Ahnung was ich hier tue. Aber es macht irgendwie Spaß.

So ähnlich vergeht die erste Woche. Ich bleibe in der gleichen Klasse, helfe bei anderen Fächern aus und lebe mich langsam ein. So richtig verstehe ich noch nicht, wo der Mehrwert meiner Arbeit liegt, da eigentlich pro Klasse genug Lehrer zur Verfügung stehen und ich das gerade gefühlt nur für meine eigene persönliche Entwicklung mache als für irgendwen sonst. Ich zweifle also gleichzeitig auch an der Sinnhaftigkeit der Freiwilligenarbeit an dieser Schule. Da kommt die Weiße, die Mzungu, aus einem reichen Land daher und will helfen. Wie denn, wenn nicht mit Geld? Wobei denn – beim Unterrichten, obwohl genug Lehrer da sind? Ich hab das Gefühl, dass das Konzept “Aushilfslehrer” an dieser Schule ein bisschen fehl am Platz ist. Kann ich hier nicht irgendwo einen Brunnen aufbauen? Oder sonst mit irgendwas helfen, was WIRKLICH gebraucht wird?

Am ersten Wochenende komme ich raus aus der Stadt und mache mit den beiden Brasilianern eine Safari. Wir reden viel über die Hilfe für Kenia. Und da wird es mir klar: ich kann mit vielen Dingen helfen, die mir wichtig sind und auch der Schule nützen. Dafür muss ich mich nur von der Vorstellung lösen, unbedingt die Lehrerrolle zu erfüllen, für die ich hier her gekommen bin. Und das machen, was ich kann.

Die nächsten Wochen

Mit meinem neuen Plan platze ich am Montag direkt in Harrisons Büro. Bombardiere ihn mit Fragen: Was ist in den letzten Wochen hier passiert? Was braucht ihr? Wie kann ich unterstützen? Und stelle ihm dann meinen Plan vor: Ich erneuere die Website komplett – damit diese auf dem neuesten technischen Stand ist und sowohl Spender up-to-date sind als auch die Welt von der tollen Arbeit, die hier mit Herzblut geleistet wird, erfährt. Ich mache neue Fotos – für die Website und natürlich auch für mich, denn das liebe ich. Ich kümmere mich um ein Update der Social Media Kanäle – das läuft auf Facebook schon ziemlich gut, darauf können wir aufbauen. Aber ich will natürlich immer noch mit den Kindern zusammenarbeiten. Also bereite ich eine Stunde vor, in der ich jungen Mädchen etwas über meine Sicht zur Selbstliebe und Selbstakzeptanz erzähle und sie inspiriere. Ich bin in Pausen und kurzen Vertretungsstunden immer noch mit den Kindern zusammen, aber habe meinen Rückzugsort und kann durchatmen.

Harrison findet alle Ideen toll. Gibt mir einen Laptop, an dem ich arbeiten kann, und den Schreibtisch seines Schulleiters. Ich habe also jetzt sozusagen ein eigenes Büro. Ich tüftle an dem Laptop herum, bis ich über mein USB Kabel mit dem Handy eine Internetverbindung hergestellt habe. Auch das funktioniert. Bekomme noch 2 weitere Laptops auf den Tisch gestellt, die gespendet wurden und deswegen auf Norwegisch laufen. Weil ich mich am Besten von allen damit auskenne, bin ich jetzt also der IT Support. Das ist okay. Ich mach das schon.

Mein Büro.
Hallo, hier ist der IT Support. Wie kann ich Ihnen helfen? … Ja, irgendwie klappt das schon mit dem Norwegischen, kein Problem.

Meine neue selbstgewählte Rolle gefällt mir unheimlich gut. Ich kann ganz frei gestalten, basteln, fotografieren was das Zeug hält, Pausen machen wann wie wo ich will und auch kommen und gehen, wann es mir gefällt. Und so genieße ich meine immer länger werdenden Tage in der Schule. Ich sitze nach getaner Arbeit abends noch oft lange draußen, lache mit den Lehrern, spiele mit den Kindern und singe gemeinsam mit dem unglaublich talentierten Musiklehrer bis es fast zu dunkel wird.

Meine Gang

Dort, in dem staubigen Plastikstuhl unter dem großen Mangobaum. Wo ich meine Kreativität, meine Ruhe, meinen Kern wieder ganz neu entdecke. Wo ich im Einklang mit der Energie dieser Welt bin. Wo alles einfach so ist, wie es ist. Und alles gut ist, so, wie es ist. Denn es gibt in diesem Moment nur das, was ist. Das ist alles, was wir haben. Und das ist verdammt viel.

Hier, so, verbringe ich einige der glücklichsten Tage meines Lebens. Voller Liebe, Lachen, Menschen, Musik, Kunst, Leichtigkeit. Ich strahle aus dem Inneren heraus. Bin einfach ich, voll und ganz. Pure Freude. Furaha.

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